Warschau-Projektreise der Sekundarstufe II

Im Mai 2016 waren 18 polnische Gäste des Goethe-Lyceums aus Warschau für eine Woche in Hamburg zu Besuch. Neben der inhaltlichen Arbeit stand als genauso wichtig die eigentliche Schülerbegegnung, die naturgemäß Raum für Annäherung braucht. Es gab also auch Sightseeing und gruppendynamische Elemente, aber auch Unterrichtshospitationen und Workshops.

Die Begegnung fand im Rahmen des Projekts Wege der Erinnerung des Deutsch-polnischen Jugendwerkes statt und es wurde an dem Thema:           

Mit dem Wissen um die Vergangenheit die Gegenwart betrachten und die Zukunft gestalten.

gearbeitet.

Wie war es für Jungendliche während der NS-Zeit? Welchen Preis hätte „jugendliches Aufbegehren“ mich damals gekostet/kosten können? Wofür bin ich heute bereit, den Preis zu bezahlen, wenn ich mich gegen den Mainstream stelle?

Die Hamburger Teilnehmer übernahmen Vorbereitungs- und Erkundungsaufgaben und buchten nach Absprache Führungen oder organisierten die Verpflegung. Die Gastgebergruppe musste jeden Tag Übergaben durchführen, um vor der täglichen Begegnung die Verpflegung der Gäste zu organisieren. Jeden Morgen wurden die Gäste mit Frühstück versorgt, von der Unterkunft abgeholt und zu den jeweiligen Aktivitäten geleitet.

Mit zunehmender Dauer der Begegnung wurden immer mehr gemischte Gruppen gebildet, so dass am Ende die Arbeit in den Workshops ohne Aufforderung übergreifend angegangen wurde. Dadurch, dass beide Sprachen von Anfang an gleichberechtigt nebeneinander genutzt wurden, gab es keine Bevorzugung, wodurch sich auch niemand zurückgesetzt fühlte und Sprachbarrieren unwichtig wurden. Während der Museums- und Gedenkstättenbesuche wurden die Teilnehmer immer wieder zu Übersetzungsaufgaben herangezogen, wobei die Sprachkompetenz unerheblich war. Inhaltlich wurde durch die Sprachmittler nachgesteuert.

Die anfängliche Distanz und Schüchternheit wurde immer wieder aufgebrochen, indem von Anfang an, gemischte Gruppen gebildet wurden und in interaktiven Spielen das Kennen lernen untereinander zu zunehmender gegenseitiger Vertrautheit führte. Die Schüler wurden über Kennlernspiel und insbesondere durch gemeinsames Kanu fahren auf den Hamburger Kanälen in gemischten Gruppen zur gegenseitigen Kommunikation verführt. Dies konnte gerade durch das gemeinsame Kochen in arbeitsteiligen Gruppen unterstützt werden, da die Teilnehmer sich ohne Anleitung organisieren musste. Zutaten und Rezepte waren vorbereitet, die Gruppen arbeiteten allein, aber das Produkt wurde von allen gemeinsam genossen. – Vielen Dank an Frau Mäder vom Elternrat der Irena-Sendler-Schule für die großartige Vorbereitung und Anleitung des Kochens!

Auf der inhaltlichen Ebene wurden eine Aktivierung der individuellen Übernahme von Verantwortung und eine Stärkung von Zivilcourage angestrebt. Diese sollten aus einem emotionalen Verständnis für die Lage der Betroffenen entstehen und dann mit Perspektive auf die Zukunft weiterentwickelt werden. Neben Schüler- und Lehrervorträgen wurden Gruppenarbeit, Planspiele und Einzelarbeit eingesetzt. Gerade das Planspiel mit vorgegebenen Rollen führte zu vertieften Einsichten.

  • Die Beschäftigung mit Marcel Reich-Ranicki zeigte den Teilnehmern, dass Grenzen weniger geographisch sind als vielmehr innerhalb der Köpfe entstehen. Die Frage, ob Marcel Reich Ranicki Pole, Deutscher oder Jude gewesen sie, führte die Schüler in einen kognitiven Konflikt mit dem Ergebnis, dass die Antwort unerheblich ist. Bei allen Museums- und Gedenkstättenbesuchen wurden Gemeinsamkeiten von Warschau und Hamburgs hervorgehoben (z.B. Parallelen bei der Zerstörungen während des II. Weltkriegs). Auf der persönlichen Beziehungsebene sollte Zurückhaltung abgelegt und Neugier auf die Austauschpartner und ihr Land geweckt werden. – Ziel war es, dass die Teilnehmer sich eine Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit und eine weitere Begegnung wünschen und diese aktiv mitgestalten wollen.
  • Ein Zeitzeuge, Herr Walter Eckel, berichtete aus seiner Kindheit, was eine hohe gemeinsame Identifikation für die Teilnehmer ermöglichte. Daraus entstand gleichsam automatisch eine gemeinsame Haltung und emotionale Verbindung der Teilnehmer. Herausragend gut war die Begegnung mit dem Zeitzeugen aufgrund seiner Authentizität. Die Veranstaltungsform mit Lesung, Bericht und Fragerunde bot den Schülern viele Rückfragemöglichkeiten bei gleichzeitigem emotionalem Eintauchen.

Vorbereitend dazu war die sehr emotionale Ausstellung in der Gedenkstätte St. Nicolaikirche sehr passend.

Nachbereitend zu den Erfahrungen konnte die Intensität im Bunkermuseum noch gesteigert werden.

  • In einem Kursübergreifenden Planspiel wurde die Flüchtlingspolitik der EU sowie Deutschland und anderer Länder Europas in Form einer Sitzung einer EU-Kommission gegenübergestellt, in dem jeweils gemischte 2er-Gruppen für ein Land standen, sich mit den jeweiligen Ansichten auseinandersetzen und diese dann im Plenum den anderen erläutern und verteidigen mussten – natürlich auf Englisch.

Während der Begegnung wurden neben den Prozessprodukten Tagesberichte geschrieben, die den Rahmen des Projektberichts („Tagebuch“) bilden. In allen Veranstaltungsorten wurde auf Referenten zurückgegriffen und der Zeitzeuge stach wegen der persönlichen Betroffenheit dabei heraus. Es zeigt sich, dass ein sehr großer Lerneffekt erreicht wird, wenn die affektive Lernzielebene intensiv angesprochen wird.

Die Mischung aus gruppendynamischer Entwicklung und inhaltlicher Arbeit wurde von allen gelobt. Gut war, dass zunächst die Begegnung im Vordergrund stand und dann erst im weiteren Verlauf die inhaltliche Arbeit zunehmend intensiviert wurde.

Was zuvor geschah:

In den Herbstferien 2015 fuhr eine Schülergruppe von 10 Teilnehmern aus den Jahrgängen 12 und 13 mit Frau Meintzinger und Herrn Lankow-Mischur nach Warschau, um Kontakt mit einer Schule vor Ort aufzunehmen, die ebenfalls Schüler in der Oberstufe betreut, da unsere Partnerschule in Warschau aufgrund des polnischen Schulsystems nach dem Jahrgang 8 endet und sich somit der etablierte Austausch nicht in die Oberstufe fortsetzen lässt.

Ein wesentliches Ziel war das Ausloten von Möglichkeiten für den Start eines gegenseitigen Austauschs oder einer Reihe von Begegnungen und Besuchen. Hierzu wurde das Goethe-Lyceum in Warschau besucht, aber natürlich wurde auch die dortige Irena-Sendler-Schule als Partnerin des Mittelstufenaustauschs besucht. Über private Kontakte konnte auch noch eine dritte Schule angesehen und Unterricht hospitiert werden.

Ein weiteres Ziel war natürlich auch die Erkundung von Warschau als Reiseziel für Oberstufenfahrten. Dazu wurden neben den traditionellen touristischen Zielen auch unbekanntere Ecken Warschaus besucht. Hierbei stand die Begegnung mit Kultur, Leuten, Essen und Musik im Vordergrund.

Und natürlich waren für alle Teilnehmer die sehr wechselhafte polnische Geschichte sowie die deutsch-polnischen Beziehungen Neuland. Glücklicherweise waren drei Schüler mit, die polnisch sprechen, z.T. auch einen Polnisch-Kurs belegen und diesen ins Abitur einbringen wollen.

Für alle Teilnehmer – Schüler wie Lehrer – war diese Reise ein unvergessliches Erlebnis! Durch die besondere Situation, dass alle Beteiligten freiwillig innerhalb ihrer Ferien eine solche Reise gemeinsam durchführten, war es eine besondere Teilnehmergruppe und so ergaben sich viele intensive, zum Teil sehr persönliche Gespräche. Das war etwas ganze Besonderes!

Lars Lankow-Mischur

Begegnung 2015 – Tagebuch in Waz

Austausch 2016 – Tagebuch 2 in Waz

Austausch 2016 – Tagebuch 1 in HH

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